Ein guter Start ins Mutterleben
Als Nicole aus Berlin mit 16 Jahren schwanger wird, traut sie sich nicht zu, ihr Kind alleine zu versorgen. Noch vor der Geburt ihrer Tochter zieht sie deshalb in die Einrichtung MuKi24. Bis zu sechs Mütter finden hier rund um die Uhr Hilfe und Begleitung bei der Betreuung ihrer Kleinkinder und Babys. Nach gut einem Jahr fühlt sich Nicole in ihrer Mutterrolle so geborgen und stabil, dass sie sich ein neues Ziel gesteckt hat: Sie wird zur Schule gehen und ihren Abschluss machen.
Ein hübsches Wohnviertel im Berliner Westen. Grün ist es hier, vor den gepflegten Altbaufassaden der Ein- und Mehrfamilienhäuser stehen hohe Bäume, in den Vorgärten blühen Büsche und Blumen. Auf den Straßen nur wenig Verkehr, die Hektik der Großstadt ist weit weg.
Auch im Haus mit der Nummer 68 ist die Atmosphäre an diesem Frühlingsnachmittag entspannt. Im sonnigen Garten spielen zwei Kleinkinder mit Schaufel und Eimer in der Sandkiste. Ihre beiden Mütter sitzen daneben und unterhalten sich. Die 17-jährige Nicole hat gerade Besuch von ihrem Freund, beide haben es sich mit ihrer acht Monate alten Tochter auf der Terrasse bequem gemacht. Begeistert greift die kleine Josephine von Mamas Arm aus immer wieder nach dem Klangspiel, das vom Dach des Vordachs herabhängt. Streckt die Händchen nach dem Holzklotz aus und juchzt, wenn sie dem Instrument einen Ton entlockt. Lächelnd betrachtet Nicole das Spiel ihrer Tochter. Als ihr die Kleine auf dem Arm zu schwer wird, reicht sie Josephine behutsam weiter an Freund Jens.

Ein Idyll, das in diesem Haus keine Selbstverständlichkeit ist. MuKi24 steht auf dem kleinen Klingelschild neben dem eisernen Gartentor. In der Einrichtung der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft Sozialpädagogischer Initiativen (DASI Berlin gGmbH) finden bis zu sechs Mütter rund um die Uhr Hilfe und Begleitung bei der Versorgung und Betreuung ihrer Kleinkinder und Babys. Die Mütter in der Einrichtung sind mit ihrer neuen Lebenssituation teilweise oder punktuell überfordert. Sei es, weil sie noch sehr jung oder psychisch labil sind, weil sie in die Drogenabhängigkeit gerutscht oder obdachlos sind oder weil sie häusliche Gewalt befürchten müssen. Gemein ist ihnen allen – ob sie Teenager oder schon in den Dreißigern sind –, dass sie lernen müssen, einen geregelten Alltag nach den Bedürfnissen des Kindes zu entwickeln. Dabei unterstützt sie MuKi24. Von ihren persönlichen Voraussetzungen und ihren individuellen Entwicklungen in der Einrichtung hängt es ab, wie lange sie bei MuKi24 bleiben: Von einigen Monaten bis eineinhalb Jahren variiert die Aufenthaltsdauer der Mütter.
Der Rahmen von MuKi24 ist familiär. Jede Mutter bewohnt gemeinsam mit ihrem Kind ein eigenes Zimmer. Küche, Wohn-, Ess- und Spielzimmer werden ebenso geteilt wie Bad, Hauswirtschaftsraum, Terrasse und Garten. Im ersten Stock, inmitten des Geschehens, liegt das Büro. Insgesamt vier Mitarbeiterinnen stehen den Bewohnerinnen im Schichtdienst Tag und Nacht zur Verfügung. „Eine Hauswirtschafterin und die Mitarbeiterin für den Tagesdienst sind innerhalb der Woche zu festen Zeiten da. So vermeiden wir allzu häufige Wechsel der Bezugsperson“, sagt Kirsten Lüdtke. Die Sozialpädagogin leitet MuKi24 und ist mehrmals in der Woche bei den Müttern vor Ort. „Der persönliche Kontakt ist sowohl für die Mütter als auch für das Betreuerteam wichtig. Meine Wirkung als Leiterin auf die Frauen kann in manchen Situationen positiv unterstützend für die Mitarbeiterinnen sein.“

Denn natürlich geht es im Einrichtungsalltag nicht nur um die Anleitung zum Wickeln, Baden, Anziehen oder Füttern der Kinder, um zuverlässiges Erscheinen beim Kinderarzt, regelmäßige Ruhezeiten oder Körperhygiene. Sondern auch darum, mit den Müttern an ihren seelischen Konflikten zu arbeiten und ihre existenziellen Nöte zu bewältigen. „Die meisten Mütter kommen nicht freiwillig zu uns, sondern weil das Jugendamt Bedarf für eine umfassende Unterstützung sieht. Hier sein zu müssen, ist für viele gleichbedeutend damit, keine gute Mutter zu sein. Das Gefühl des Versagens geht seelisch sehr tief und ruft Frust hervor“, sagt Kirsten Lüdtke.
Die Mitarbeiterinnen von MuKi24 haben ständig ein waches Auge darauf, dass eine Mutter ihre Frustration oder Wut nicht etwa am Kind auslässt. „Das häusliche Zusammenleben rund um die Uhr ist sehr wichtig, um ein gutes Gespür entwickeln zu können, wie es einer Mutter gerade geht, ob und welche Hilfe für sie angemessen ist“, sagt die MuKi24-Leiterin. Wichtig sei es, die Mütter zu stabilisieren und ihnen ein besseres Gefühl gegenüber ihrem Kind zu verschaffen. „Keine Mutter macht alles falsch. Es gibt immer auch positive Dinge. Die machen wir bewusst, sagen: ‚Schau, hier machst Du es doch schon gut mit Deinem Kind‘  “. Anerkennung, Lob, Erfolg – diese Grundlagen eines guten Selbstwertgefühls haben die meisten Mütter in ihrer eigenen Umgebung zuvor entbehrt. Kindsväter, die sich weder in der Schwangerschaft noch nach der Geburt um Mutter und Kind kümmerten, Großeltern, die ständig nur kritisierten, oder Freunde, die in der neuen Situation der Mutterschaft eben doch keine sein konnten – solche Erfahrungen haben hier viele gemacht. Hinzu kommt, dass sie oft auch in ihrer eigenen Kindheit wenig Geborgenheit und Liebe erhalten haben, emotional vernachlässigt worden sind, unter alkoholabhängigen Eltern gelitten haben oder mit anderen Auseinandersetzungen innerhalb ihrer Familie haben kämpfen müssen. Im Zentrum der pädagogischen Betreuung von MuKi24 steht deshalb: Emotionale Sicherheit geben, positive Erlebnisse schaffen und einen liebevollen Kontakt zwischen Mutter und Kind aufbauen.
Die Bewohnerinnen sind in einen geregelten Tagesablauf mit festen Essens- und Ruhezeiten eingebunden. Jede Mutter ist einmal in der Woche für das Mittagessen zuständig; es gibt einen Putzplan, die Zuteilung des Einkaufs- und Taschengelds ist per Aushang im Büro nachvollziehbar. „Der verantwortungsvolle Umgang mit Geld ist für viele unserer Bewohnerinnen zunächst ungewohnt. Windeln, Milchpulver, Babykleidung – auch dafür muss das Geld ja jetzt reichen. Sie müssen lernen, damit auszukommen“, erklärt Kirsten Lüdtke.

Nicole hat sich in den vergangenen Monaten gut eingelebt. Mittwochs ist ihr Kochtag, dann bereitet sie für alle das Mittagessen zu, Nudel¬auflauf ist ihre Spezialität. Bloß das zeitige Aufstehen morgens fällt ihr noch immer schwer. „Ich bin schon vor Josephines Geburt hierher gekommen. Jens und ich kannten uns gerade mal zwei Monate, als ich schwanger wurde. Ich hatte Angst, dass wir das alles alleine nicht hinkriegen“, erzählt sie. Zusammen mit ihrer Tochter wohnt sie ganz oben unterm Dach. Kinderbett, Wickelkommode, ein Schrank, ein kleines Regal und ihr eigenes Bett – das ist ihr Reich. Ihr sechs Jahre älterer Freund Jens kommt sie fast jeden Tag besuchen, mit in der Einrichtung wohnen kann er jedoch nicht. „Auch wenn wir die Partner in unsere Arbeit mit einbinden, so ist eine gemeinsame Hilfe für Paare in diesem Betreuungsrahmen vom Gesetz her nicht vorgesehen“, erklärt Kirsten Lüdtke. Kennengelernt haben sich Nicole und Jens im Internet. „Wir haben ein paar E-Mails und Fotos ausgetauscht. Irgendwann haben wir uns dann verabredet, sind stundenlang im Park spazieren gegangen. Ab da waren wir zusammen“, erzählt Nicole und lächelt. Als sie schwanger wird, treten gesundheitliche Komplikationen auf – Verdacht auf Schwangerschaftsvergiftung und Diabetes. „Josephine kam dann per Kaiserschnitt zur Welt. Jens war bei der Geburt dabei“, erzählt Nicole.
Sie ist froh, dass sie dank MuKi24 einen guten Start mit ihrer Tochter hat. Und fühlt sich mittlerweile so geborgen und stabil, dass sie sich ein Ziel gesteckt hat. „Ich möchte meinen mittleren Schulabschluss machen. Dafür will ich meine Energie einsetzen.“ Ab September wird sie wieder zur Schule gehen, Josephine ist während der Unterrichtszeit in einer KiTa untergebracht. Auch Jens ordnet sein Leben neu, er beginnt eine Lehre als Holzbaumechaniker. „Für meine Tochter möchte ich ein gutes Vorbild sein, deswegen will ich meine Ausbildung so gut wir möglich machen“, sagt er. Wenn die Zeit in der MuKi24 zu Ende geht, wollen sich die beiden ein gemeinsames Zuhause schaffen. MuKi24 unterstützt sie bei der weiteren Zukunftsplanung und bei Bedarf auch bei der Wohnungssuche.
Doch nicht immer verläuft der Start für die Mütter so gut wie bei Nicole. Sie hat Glück, dass ihr mit Jens ein Partner zur Seite steht, der sie unterstützt. Ihre eigene Familie ist ebenfalls für sie und das Kind da, auch wenn sie selbst Familienhilfe erhält. Viele Mütter haben keinen Partner oder führen schwierige Beziehungen. Oft ist auch das Verhältnis zu den eigenen Eltern zerrüttet. Für die anderen Bewohnerinnen ist es deshalb nicht immer leicht, die harmonische Beziehung von Nicole und Jens mitzuerleben – Traurigkeit und Neid stellen sich bei vielen ein. Solchen Konflikten weicht die Einrichtung absichtlich nicht aus. Sie setzt ganz bewusst einen häuslichen Rahmen, der ausreichend Schutz bietet, ohne jedoch alltägliche Situationen mit Ärger oder Kummer auszublenden. „Wir spielen unseren Müttern hier nicht heile Welt vor, sondern leiten sie aktiv an, mit sich und ihrem Kind in jeder Stimmung verantwortungsvoll umzugehen. Das ist die Grundvoraussetzung für ein eigenständiges Leben mit ihrem Kind“, sagt die MuKi24-Leiterin.
Die Verantwortung der Mitarbeiterinnen dabei ist hoch. Es ist ein schmaler Grat, den Müttern einerseits die Möglichkeit zum selbstständigen Sammeln von Erfahrung einzuräumen, gleichzeitig aber immer Wohl und Sicherheit des Kindes zu gewährleisten. „Wann greift man ein? Diese Frage steht im Zentrum“, sagt Kirsten Lüdtke. Wichtig sei, dass die Mutter in einer kritischen Situation die Hilfe der Betreuerin akzeptiert – und annimmt. Die MuKi24-Mitarbeiterinnen formulieren deshalb sehr offen, dass sie jetzt eingreifen müssen, weil sie selbst Angst um das Kind haben.
Das Team von MuKi24 besteht aus erfahrenen Sozialpädagoginnen. Regelmäßig gibt es interne und externe Fachgespräche, jeden Monat eine Supervision. Hinzu kommen Fortbildungen, Themen wie systemisches Arbeiten, Sozialpädagogische Diagnosen oder die Vermittlung aktueller Gesetzesänderungen stehen dann auf dem Programm. Männer gibt es in der Einrichtung nicht. „Wir haben überlegt, auch männliche Kollegen zu integrieren, denn sie liefern noch mal andere Impulse. In diesem engen häuslichen Rahmen mit einer 24h-Betreuung ist das jedoch nicht ideal“, sagt Kirsten Lüdtke.
Die erfahrene Sozialpädagogin setzt sehr auf Teamarbeit und weiß, wie viel Stärke sich aus einem guten Miteinander für die anspruchsvolle Arbeit ziehen lässt. „Erfolg lässt sich in dieser Arbeit nur schwer messen. Man muss immer auch die kleinen Dinge im Blick haben“, sagt sie. Nicht immer gelingt es, dass eine Mutter gemeinsam mit ihrem Kind die Einrichtung verlässt. Wenn auf Dauer keine positive Entwicklung der Mutter abzusehen ist, die Bedürfnisse des Kindes aufgrund eigener Probleme nicht wahrgenommen werden können, dann veranlassen die Mitarbeiterinnen, dass das Kind in eine andere Obhut kommt. Ein schwerer Schritt, den die Sozialpädagoginnen lange mit der Mutter vorbereiten. Seit der Eröffnung 2009 hat es diesen Fall bei MuKi24 zweimal gegeben – auch für die Mitarbeiterinnen eine belastende Situation. Doch ein kleiner Erfolg und Lichtblick ist trotz allem zu sehen: Eine Mutter hat sich freiwillig in eine Therapie begeben und ist bereit, an sich zu arbeiten. Ihr ist in der Zeit bei MuKi24 bewusst geworden, dass sie selbst Stabilität braucht, um ein gemeinsames Leben mit ihrem Kind zu schaffen.
Wenn eine Mutter das erste Vierteljahr mit ihrem Neugeborenen durchlebt, ist zumindest eine Basis gelegt. „Wir geben der Mutter die Chance, eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Selbst wenn sie es am Ende nicht schafft, sich ausreichend um ihr Kind zu kümmern, so ist eine Beziehung geschaffen. Und das ist allemal besser, als wenn das Kind eine frühkindliche Traumatisierung erleidet, weil es sofort nach der Geburt in Obhut genommen werden muss“, erklärt Kirsten Lüdtke.
Wenn Mütter mit ihrem Kind die Einrichtung wieder verlassen, sind sie nicht auf sich allein gestellt. Die meisten erhalten unterstützend Familienhilfe oder wechseln in eine andere Betreuungsform. Im Haus mit der Nummer 68 ist es ein festes Ritual, zum Abschied ein kleines Fest zu veranstalten. „Wir möchten unsere Mütter mit einem guten Gefühl verabschieden. Sie sollen stolz sein können, ihre Sache hier bei uns gut gemacht zu haben und einen wichtigen Schritt in ihrer Entwicklung gegangen zu sein.“
DASI Berlin gGmbH
Die Diakonische Arbeitsgemeinschaft Sozialpädagogischer Initiativen (DASI Berlin) gGmbH ist ein dezentraler, vorrangig sozialräumlich aktiver Verbund von flexiblen ambulanten, teilstationären und stationären Kinder- und Jugendhilfeangeboten und Kindertagesstätten. Projektarbeit und Eingliederungshilfen sind von wachsender Bedeutung. Zurzeit nehmen über 350 Kinder, Jugendliche, Heranwachsende und Familien die Beratungs-, Betreuungs-, Erziehungs-, Bildungs- und Assistenzleistungen von rund 150 Mitarbeitenden in Anspruch. Die DASI Berlin gGmbH ist in vielen Berliner Bezirken aktiv, inbesondere in Friedrichshain-Kreuzberg, Treptow-Köpenick, Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte. Auch in Brandenburg betreibt die DASI Berlin gGmbH eine Einrichtung.
Weitere Informationen: www.dasi-berlin.de



